soulfire DNA – Teil 6: Die Rolle des Evangeliums

Nach kurzer Pause geht es weiter mit den Grundwerten dieser Gemeindegründung. Heute geht es um die Rolle des Evangeliums. Eine Ausführung darüber, was ich unter diesem Evangelium verstehe, findet ihr, wenn ihr auf ‚Zum ersten Mal hier?‘ klickt.

Viele Christen haben zwar kein falsches, aber ein unvollständiges Verständnis vom Evangelium der Gnade Gottes. Sie halten das Evangelium nur für die Botschaft, die man Nichtchristen erzählt, damit diese dann daran glauben und so gerettet werden können. Diese unzulängliche Sichtweise drückt sich z. B. auch in dem Spruch „Preaching is for the sinner, teaching is for the saint“ („Predigen ist für den Sünder, Lehren ist für den Christen“) aus. Man nimmt fälschlicherweise an, dass man verlorenen Sündern die rettende Gnade Gottes predigt, während man ‚Schon-Bekehrten‘ nur noch erklären, bzw. sie ermahnen/ermutigen muss, so zu leben, wie es sich für einen Christen gehört.

Im Kontrast dazu steht folgende Aussage Tim Kellers: „Das Evangelium ist nicht das ABC, sondern das A-Z des christlichen Lebens.“ Nach seinem Verständnis ist das Evangelium nicht nur die Botschaft, durch die ein Mensch gerechtfertigt, sondern auch die Botschaft, durch die ein Mensch geheiligt wird. Wie genau soll das funktionieren?

Wie funktioniert das Evangelium?

Das Evangelium kommt zu mir als zu einem Opfer und zu einem Täter. Als Opfer bietet es mir Heilung, als Täter Vergebung. Weil jeder Mensch (außer Jesus Christus) Opfer und Täter ist, hat jeder Mensch diese zwei Bedürfnisse.

Das Evangelium ist nur für die Menschen eine gute Botschaft, welche die Notwendigkeit der eigenen Umkehr verstanden haben. Die Bibel warnt (sowohl im AT als auch im NT) davor, dass eigene Herz zu verhärten, also Gott gegenüber ‚zuzumachen‘, weil man sich nicht von einer bestimmten Sünde trennen oder Gott nicht vertrauen will. Auf den Zustand des eigenen Herzens zu achten, ist deswegen extrem wichtig. Umkehrbereitschaft macht das Evangelium zu einer guten Botschaft für mich persönlich. Martin Luther forderte deswegen in der ersten seiner 95 Thesen, „dass das ganze Leben des Gläubigen Buße sein soll“.

Das Evangelium lehrt uns, dass die Rettung bei Jesus zu finden ist. Rettung ist nicht etwas, dass er uns gibt, wie ein Geschenkpaket, was sich jeder bei ihm gratis abholt, ‚Danke‘ sagt, und sich dann wieder verabschiedet. Er ist die Rettung. Deswegen gilt es, an ihm dran zu bleiben, wie die Rebe am Weinstock bleiben muss. Auf diesem Hintergrund verstehe ich auch Römer 11,22: „Du hast hier also beides vor Augen, Gottes Güte und Gottes Strenge: seine Strenge denen gegenüber, die sich von ihm abgewendet haben, und seine Güte dir gegenüber – vorausgesetzt, du hörst nicht auf, dich auf seine Güte zu verlassen; sonst wirst auch du abgehauen werden.“ (NGÜ) Alles, was du machen musst, ist dich völlig, immer und für alles auf Jesus zu verlassen.

Man denkt vielleicht anfangs, dass es im christlichen Leben immer komplexer wird. Aber tatsächlich ist es meiner Erfahrung nach so, dass es sich immer mehr vereinfacht. Alles läuft darauf hinaus, die grundlegenden Wahrheiten des Evangeliums immer tiefer in mein Bewusstsein hineinzutragen. Man erkennt immer mehr, wie verloren man ohne Jesus ist (dazu gehören auch die eigene Religiösität und andere Selbstrettungsversuche), wie sehr man ihn deswegen braucht, wie wichtig Vertrauen und Umkehr sind. Gottes Gnade ist Lebenselixier – dass wird immer mehr durch Erfahrung klar.

Zwei Arten von Verlorenheit

Um eine vom Evangelium motivierte Gemeinde sein zu können, muss man die zwei Arten von Verlorenheit verstehen, die Jesus in seinem Gleichnis von den verlorenen Söhnen beschreibt. Klassischerweise konzentrieren sich Christen auf den ersten Sohn in der Geschichte (Lukas 15,11-32), der den Vater verlässt, in ein fernes Land zieht, und mit wildem, unmoralischem Leben sein komplettes Erbe verschleudert. ‚Das ist das perfekte Bild für Verlorenheit!‘ – denkt der Fromme. Aber tatsächlich geht es in der Geschichte eigentlich um den zweiten, den älteren Bruder, der brav zu Hause bleibt. Die Geschichte endet damit, dass der jüngere Bruder heimkehrt und vom Vater mit einer Begrüßungsfeier willkommen geheißen wird. Der ältere Bruder weigert sich, mit zu feiern. Er bleibt draußen stehen, voller Hass und Ärger über den jüngeren Bruder und die Großherzigkeit des Vaters. Jesus erzählt diese Geschichte den Frommen seiner Zeit. Sie hielten sich selbst für gut, gottgefällig und deswegen nicht bedürftig was Gottes Gnade betraf. „Eins der Anzeichen dafür, dass du die einzigartige, radikale Natur des Evangeliums nicht verstehst, ist deine Überzeugung, dass du es tust.“ (Tim Keller) Das Gleichnis soll bei den Hörern/Lesern die Frage aufwerfen: Wer ist weiter entfernt vom Vater? Welcher der beiden Söhne ist „verlorener“?

Wenn ich über diese Fragen nachgrübele, verstehe ich folgende Dinge:

a) Ich verstehe, dass es unter den Menschen, die sich nicht als Christen bezeichnen, ‚gute‘ und ’schlechte‘ Menschen gibt. Beide brauchen Jesus gleichermaßen und sind ohne Gottes Gnade verloren. Das Evangelium ist nämlich nicht einfach ein Aufruf zu korrektem (gottgefälligem) Verhalten, oder zur Religiösität. Es ist kein Moralisierungsversuch. Wenn eine von beiden Gruppen weiter von Gott entfernt, verlorener ist, dann eher der ‚gute‘, also ‚religiöse‘ Mensch. Jesus erzählt das Gleichnis , um die Pharisäer und Schriftgelehrten zu erreichen – doch letztendlich blieben sie die feindlichsten und aggressivsten Gegner Jesu. Es gibt eine fromme Gottlosigkeit.

b) Ich verstehe, dass es auch unter den Menschen, die sich als Christen bezeichnen, die Tendenz zu geistlichem Stolz und Selbstgerechtigkeit gibt. Besonders wenn man unter Errettung nur einen einmaligen Neuanfang und unter Heiligung nur das Erlernen äußerlicher Frömmigkeitsrituale versteht. Dann kann es leicht passieren, dass ich denke, dass ich ‚jetzt, als Christ‘ etwas Besseres bin. Das Evangelium konfrontiert mich: ‚Du bist vielleicht Christ, aber du hast es nicht verdient, dass Gott dir die Treue hält. Dass er es trotzdem tut, ist völlig unverdient, und sollte dich sehr demütig machen.‘

c) Gottes Gnade bewirkt nicht nur Demut, sondern auch Dankbarkeit und Freude. Gegenliebe. Für einen Gott, der an einer Liebesbeziehung zum Menschen interessiert ist, sind das die einzig zulässigen Motivationen für Veränderung.

Wie sieht eine von dieser Botschaft durchdrungene Gemeinde aus?

Wenn nicht nur ein Einzelner, sondern eine ganze Gemeinschaft von dieser Realität gepackt, beeindruckt und bewegt wird, zeigt sich das u. a. auf folgende Weise:

Inklusiv statt exklusiv – dadurch missional. Durch das Verständnis der Abhängigkeit von der Gnade Gottes bei den Christen fällt das ‚wir heilig-ihr sündig‘ Denken in der Gemeinschaft weg. Betont wird die Gemeinsamkeit zwischen Christen und Nichtchristen. Es gibt einen fundamentalen Unterschied, aber dieser wird nicht überbetont. Der ‚vor Gott sind wir alle gleich‘ Gedanke eint Christen und Nichtchristen. Dadurch schaffe ich einen Ort, in dem sich Nichtchristen respektiert und geliebt fühlen. Damit tut die Gemeinde das Gleiche, was Jesus praktizierte, indem er zusammen mit seinen Jüngern und mit ‚Zöllnern und Sündern‘ aß. Gleichzeitig wird aber auf ‚Pharisäer‘ zugegangen. Das ist christliche Nächstenliebe.

‚Gospel irony‘ statt religiösem Ernst – dadurch Lebendigkeit und Frische. Eins der unangenehmen Merkmale des religiösen, selbstgerechten Menschen ist, dass er sich selbst zu ernst, zu wichtig nimmt. Erkennt er jedoch, wie albern und lächerlich seine Selbstrettungsversuche sind, lernt er durch das Evangelium, über sich selbst zu lachen. Aus Gottes Perspektive betrachtet muss vieles sehr witzig wirken, was wir so ernst nehmen… Tim Keller nennt die Fähigkeit, durch das Evangelium über sich selber lachen zu können ‚gospel irony‘.

Demut statt Überheblichkeit und Stolz. Aus derselben Dynamik entsteht auch die Demut, die eine christliche Gemeinschaft ausmachen sollte. Demut bedeutet, eine Selbsteinschätzung zu haben, die sich mit Gottes Realität deckt. Eine vom Evangelium angetriebene Gemeinde schaut nicht auf andere herab, sondern zu anderen auf. Keiner ist besser als ich, deswegen kann ich von jedem etwas lernen – Christ wie Nichtchrist.

Dass bei dieser Gemeindegründung eine solche Gemeinschaft entsteht, ist ein ganz zentraler Teil der soulfire-Vision.

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