Freundschaft (Teil 2: Freundschaft, Evangelisation & Jüngerschaft)

Wir leben in einer Zeit und einer Gesellschaft, in der alles sauber und schnell laufen soll. Unser Denken ist maschinisiert und mechanisiert. Wir wollen Abläufe optimieren, Effizienz steigern und stehen allem, was man nicht analysieren kann, eher skeptisch gegenüber.

In der geistlichen Welt, dem ‚Reich Gottes‘ ist dieses Denken allerdings Fehl am Platze. Es ist höchste Zeit, die organische Natur geistlicher Abläufe zu begreifen, und sich vor allem klar zu machen, dass wir die geistliche Welt nicht mechanisieren können. Wir müssen die Gesetze der geistlichen Welt studieren, und uns ihnen dann anpassen, wenn wir innerhalb dieser Realität erfolgreich sein wollen.

Das ist wie bei einem Surfer, der die unglaubliche Gewalt der Wellen nutzen will. Er weiß, dass es nicht möglich ist, die Welle zu zähmen. Er muss wissen, wie sich das Wasser verhält, und sich dann diesen Gesetzmäßigkeiten anpassen. Er muss sich auf die Welle einstellen – nicht umgekehrt.

Freundschaft und Evangelisation

Non-relational evangelism is a contradiction. – Evangelisation ohne Beziehung ist ein Widerspruch in sich.“ (Ed Stetzer)

Die meisten Menschen brauchen Zeit, um sich für einen geistlichen Kurswechsel zu entscheiden. Laut Statistiken braucht es im Schnitt 3 Jahre, begleitendes Gebet und kontinuierliches Zeugnis einer nahestehenden Person und am besten noch die geistliche Gemeinschaft einer Gemeinde. Auf diesem Weg wird der Suchende (der nicht selten durch eine Lebenskrise geht) Schritt für Schritt an den Glauben herangeführt. Dabei ist es für die Dauerhaftigkeit ihrer Entscheidung wichtig, möglichst häufig und auf möglichst vielfältige Weise das Evangelium kommuniziert zu bekommen.

Tim Keller schreibt: „Viele Leute haben ganz einfach eine solche Persönlichkeit, bei der Prozesse eine große Rolle spielen. Sie würden nie zum Glauben kommen, wenn sie dazu gedrängt werden. Sie müssen in Stufen kommen.“

Menschen sind keine Maschinen. Wir funktionieren nicht wie ein Programm, bei dem man nur die richtige Taste drücken muss. Gott hat uns als Teil seiner Schöpfung einfach nicht so gemacht. Deshalb ist auch sein Wirken im Menschen normalerweise ein organischer, natürlicher Prozess. Jesus vergleicht die Prozesse der geistlichen Welt mit Hefebakterien oder Samenkörnern (z. B. die ‚Königreichsgleichnisse‘ in Matthäus 13, die geistliche „Geburt“ in Johannes 3 oder der Weinstock in Johannes 15). Wir müssen ebenfalls wieder lernen, in diesen Kategorien zu denken.

Freundschaftsevangelisation ist kein Programm, dass ein Pastor einfach einführen, oder Konzept, dass er durchsetzen kann. Sie ist eigentlich etwas, das fast automatisch passiert, wenn Christen die richtige Einstellung gegenüber ihrem Umfeld und das richtige Verständnis für den Ablauf geistlicher Prozesse haben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man keine evangelistischen Predigten oder spezielle Strategien und Methoden zur Evangelisation braucht. Aber es bedeutet, dass man sie richtig einordnet. In gewissem Sinne sind sie nur das i-Tüpfelchen. Als Christen neigen wir dazu, uns darauf auszuruhen, dass jemand unsere Nachbarn ‚professionell‘ evangelisiert. Dieses Denken und Verhalten ist falsch – und im Innersten wissen wir das auch.

Vielleicht sind wir deshalb eingeschüchtert, weil wir uns zu sehr auf den menschlichen Teil konzentrieren. Wir verhalten uns, als wäre Evangelisation etwas, dass wir für Gott machen müssen, weil es sonst nicht getan wird. In Wirklichkeit ist es ein Werk Gottes. Weil er Liebe ist, streckt er sich immer und ständig nach allen Menschen aus. Er ist es, der allen Menschen überall befiehlt, zu ihm umzukehren (Apostelgeschichte 17,30). „Ja, Gott selbst ist es, der durch uns die Menschen ruft.“ (2. Korinther 5,20b; GNB) Wenn wir vom missionarischen Wesen Gottes echt gepackt werden, wird sich dass ganz natürlich in unseren Beziehungen zeigen: „Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme lebendigen Wassers fließen, wie es in der Schrift heißt.“ (Johannes 7,38; NL). In uns wohnt der Geist Gottes, der die Welt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht überführt.

Freundschaft und Jüngerschaft

Jesus kam und sagte zu seinen Jüngern: »Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. Darum geht zu allen Völkern und macht sie zu Jüngern. Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alle Gebote zu halten, die ich euch gegeben habe. Und ich versichere euch: Ich bin immer bei euch bis ans Ende der Zeit.«“ (Matthäus 28,18-20; NL)

Bei der Evangelisation geht es darum, dass Menschen der christlichen Botschaft ausgesetzt werden. Reagiert jemand auf die Botschaft positiv, haben wir den Auftrag, sie an der Hand zu nehmen und weiter zu führen. Das geschieht vor Allem durch zwei Faktoren: Gemeinschaft („Tauft sie“) und Lehre („lehrt sie“). Bei der Lehre geht es allerdings nicht bloß um das Vermitteln von Information! Jesu Befehl lautet, ihnen beizubringen, alle Gebote zu halten, nicht nur, sie zu kennen. Gebote halten lernen braucht seine Zeit – und persönliche Begleitung.

In seinem Buch „Grow“ schreibt Winfield Bevins:

Das Jüngerschaftsmodell des Neuen Testaments war natürlich und organisch. Jüngerschaft geschieht, wenn Männer und Frauen mit ihrem geistlichen Mentor Zeit verbringen.

Gleichermaßen sollten wir an den Leben der Menschen teilhaben, die wir entwickeln wollen. Wir sollten die Zeit, die wir mit den Leuten mit denen wir Jüngerschaft praktizieren wollen, fest einplanen – und zwar außerhalb der normalen Gemeindeprogramme. Wir müssen uns Zeit nehmen, um mit ihnen zu spielen, zu beten und zu essen. Das bedeutet, dass Jüngerschaft uns etwas abverlangen wird. (…) Es wird uns Zeit, Energie und emotionale Beteiligung kosten, wenn wir die Herausforderung, zu Jüngern zu machen, annehmen wollen. Ich glaube, dass hier der Hauptgrund dafür liegt, dass Gemeinden nicht mehr zu Jüngern machen: es braucht Zeit.“

Robert Coleman schreibt in „Des Meisters Plan der Evangelisation“:

Nachdem Jesus seine Leute herausgerufen hatte, machte er es sich zur Gewohnheit, bei ihnen zu sein. Dies war das Wesentliche an seinem Trainingsprogramm – seine Jünger sollten ganz einfach ihm folgen. (…) Es ist erstaunlich: Alles, was Jesus tat, um diese Männer in seinem Sinn zu unterrichten, war, sie näher zu sich selbst zu ziehen. Er war seine eigene Schule und sein eigener Lehrplan. (…) Seine Jünger waren nicht an äußerer Übereinstimmung erkennbar, nicht durch gewisse Formalitäten, sondern dadurch, dass sie bei ihm waren. So hatten sie an allem teil, was er lehrte (Joh. 18,19).“

Natürlich lernt man auch eine Menge über Bücher, Predigten und Seminare. Aber den stärksten Einfluss auf uns haben – nach meiner Erfahrung – dann doch die Menschen, mit denen wir Zeit verbringen. Aus meinem Leben kann ich bezeugen, dass ich in meinem Leben mit Jesus niemals da wäre, wo ich jetzt bin, hätte ich nicht geistliche Vorbilder und Mentoren gehabt.

Um dieses Prinzip als Gemeinde umzusetzen, brauchen wir vor Allem zwei Tugenden:

a) Demut. Jeder einzelne Christ (Pastoren und Leiter mit eingeschlossen) müssen sich selbst zuerst als Lernende, als Nachfolger verstehen. Jeder braucht dazu Freunde, die ihn/sie in dieser Nachfolge weiterbringen. Ein Freund kann in unser Leben hineinsprechen. Um das zuzulassen braucht es Demut.

b) Gegenseitige Verantwortung. Innerhalb einer Gemeinschaft sind wir füreinander verantwortlich. Haben wir jemanden, zu dem wir eine so gute Beziehung aufgebaut haben, dass wir in sein/ihr Leben hineinsprechen können? Leben wir in der Verantwortung, die wir vor Gott für unsere Geschwister haben?

(Im nächsten Teil geht es um Freundschaft und Leiterschaft. Der Artikel wird ein übersetztes Predigtskript von Falk Scissek, Pastor in der CC Freiburg sein. Auf der diesjährigen Pastorenkonferenz in Siegen predigte er über das Thema „Das Herz der Ältestenschaft“.)

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