Eine Vision für interkulturelle Versöhnung

„Ich war ein Ausländer  bei euch, und ihr habt mich aufgenommen.“ (Jesus in Matthäus 25,35)

Deutschland ist Einwanderungsland – das ist erst einmal eine Tatsache. Jeder fünfte Bundesbürger hat seine Wurzeln im Ausland. In Köln ist es fast jeder Dritte. In der Gesellschaft gibt es zwei Reaktionen darauf: die eine Seite fühlt sich bedroht. Meiner Meinung nach wird hier die tiefe Unsicherheit der Deutschen im Bezug auf die Frage nach der kulturellen Identität sichtbar. Angst ist kein guter Zustand, und führt auch in diesem Bereich entweder zu Flucht (Rückzug, Abschottung) oder Angriff (aktiver Rassismus).

Die andere, politisch korrektere Seite spielt die Unterschiedlichkeit herunter und tut so, als wäre Verschiedenheit per se etwas Wunderbares. Sie verschließen die Augen von den äußerst realen Konflikten. Da sich nicht mit dem befasst wird, was die Menschen tatsächlich voneinander trennt, kann auf diesem Weg keine Gemeinschaft entstehen. Die Ansätze der Politik sind einfach zu weit von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt. Sie bieten nicht genug Grundlage für eine umsetzbare Einheit.

Ich glaube, als Christen bietet sich für uns eine dritte Möglichkeit. In seinem Buch „A Theology as big as the city“ interpretiert Ray Bakke die Migration (vor Allem von Ausländern) in die Städte anhand von Psalm 107,1-9 neu:

„Mir scheint es, als müsste man bei Gott selbst anfangen, wenn man herausfinden möchte, wer für den Exodus der Landbewohner in unsere Städte verantwortlich ist.  
Seit nunmehr 2000 Jahren hatte die Kirche den Auftrag „hinzugehen, und alle Nationen zu Jüngern zu machen (Matthäus 28,19). Jetzt wissen wir, wo „alle Nationen“ sind – in unseren Stadtvierteln. Die Grenze zur Weltmission ist nicht mehr länger geographisch gesehen weit entfernt – sie ist kulturell gesehen weit weg, geographisch gesehen ist sie direkt nebenan. Während also das Gebet vieler Christen „Herr, segne die Ausländer – und mögen sie bleiben, wo sie sind!“ gewesen ist, zeigt uns der Psalmist, dass Gott so gut und so gnädig war, eine urbane Migration zu inszenieren. Es gibt so viele Texte in der Bibel, die meine engstirniges Klassendenken und meinen Patriotismus durcheinanderbringen. Dies ist einer davon.“

Wir wollen Multi-Kulti weder glorifizieren noch verteufeln. Für uns ist es eine gottgegebene Chance für das Evangelium. Auf einem kulturell heterogenen Hintergrund (in Köln: Menschen aus über 180 verschiedenen Ländern) kann es sich als einzige wirklich versöhnende Kraft beweisen. Es führt Menschen zusammen, ohne deren kulturelle Identität aufzulösen. Die Botschaft der Bibel befähigt uns dazu.

Das Alte Testament – Schöpfung, Fall & Verheißung
In den ersten Kapiteln der Bibel wird uns Gott als Ursprung aller Dinge vorgestellt. Adam hat Gott zum Vater (Lukas 3,38). Alle Menschen werden auf ein und das selbe Elternpaar, Adam und Eva, zurückgeführt. Das ist der Ausgangspunkt: alle Menschen sind eigentlich Geschwister – sie haben denselben Vater, die gleichen Eltern.

Der erste innerfamiliäre Streit und auch die Feindschaft zwischen den Völkern wird mit dem Sündenfall begründet: der Mensch lehnte sich gegen Gott auf. Wenn wir Gott als gemeinsamen Vater ablehnen, verraten wir damit automatisch unsere Geschwister.

Eingewoben in die Geschichte Gottes mit seinem Volk findet sich allerdings von Anfang an die Verheißung des Messias. Während Gott sich scheinbar exklusiv mit seinem erwählten Volk befasste, hatte er doch von Anfang an die ganze Welt im Blick. Das Heil, die Erneuerung, sollte die ganze Welt erfassen, und nicht nur einem Volk dienen. An Gottes Blick und Absicht hat sich nichts geändert.

Das Neue Testament – Menschwerdung, Tod & Versöhnung
In den Evangelien sehen wir die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Indem er einer von uns wurde, überbrückte Gott die ewige Kluft zwischen uns und ihm. Indem er für uns starb, versöhnte Gott uns mit sich selbst. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden mehr. Denn während Juden zwar historisch gesehen bis zu diesem Zeitpunkt die Privilegierteren gewesen waren, hatten sie doch die Rettung genauso nötig wie ihre heidnischen Nachbarn. Es entstand eine neue Gemeinschaft von ehemals von Gott Ausgeschlossenen, jetzt aber mit Gott Versöhnten: die Gemeinde. Paulus beschreibt das im Epheserbrief:

„Vergesst nie, dass ihr früher verächtlich „Unbeschnittene“ genannt wurdet, weil ihr zu den nichtjüdischen Völkern gehört. Die Juden wollten sich als „Beschnittene“ von euch unterscheiden, obwohl ihre Beschneidung nur von Menschen durchgeführt wird. Ihr habt damals ohne Christus gelebt und wart ausgeschlossen von Gottes Volk. Darum galten für euch die Zusagen nicht, die Gott seinem Volk gab, als er seinen Bund mit ihnen schloss. Ohne jede Hoffnung und ohne Gott habt ihr in dieser Welt gelebt. Aber weil Jesus Christus am Kreuz sein Blut vergossen hat, gehört ihr jetzt zu ihm. Ihr seid ihm jetzt nahe, obwohl ihr vorher so weit von ihm entfernt lebtet. Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint und die Mauer zwischen ihnen niedergerissen. Durch sein Sterben hat er das jüdische Gesetz mit all seinen Geboten und Forderungen endgültig außer Kraft gesetzt. Durch Christus leben wir nicht länger voneinander getrennt, der eine als Jude, der andere als Nichtjude. Als Christen sind wir eins. So hat er zwischen uns Frieden gestiftet. Christus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben, damit wir alle Frieden mit Gott haben. In seinem neuen Leib, der Gemeinde Christi, können wir nun als Versöhnte miteinander leben. Christus ist gekommen und hat seine Friedensbotschaft allen gebracht: euch, die ihr fern von Gott lebtet, und allen, die nahe bei ihm waren. Durch Christus dürfen jetzt alle, Juden wie Nichtjuden, vereint in einem Geist, zu Gott, dem Vater, kommen. So seid ihr nicht länger Fremde und Heimatlose; ihr gehört jetzt als Bürger zum Volk Gottes, ja sogar zu seiner Familie.“ (2,11-19; HFA)

Interkulturelle Versöhnung in der Apostelgeschichte
In der Apostelgeschichte sehen wir, wie das Evangelium der Versöhnung dann tatsächlich die größte geistlich-kulturelle Hürde nimmt: das Christentum breitet sich so aus, wie Jesus es befohlen hatte: von Jerusalem nach Judäa, von Judäa nach Samaria und von Samaria bis an die Enden der Welt. Besonders in den Kapiteln 10, 11 und 15 wird deutlich, wie schwer dieser Weg vor Allem für die Judenchristen war. Tatsächlich ist die Spannung zwischen Judenchristen und Heidenchristen ein Thema, das im Neuen Testament immer wieder auftaucht. Aber das Fazit ist immer eindeutig: seid demütig, liebt einander, sucht Kompromisse, kämpft für Einheit und Versöhnung.

 

Interkulturelle Versöhnung in der Ewigkeit
„Danach sah ich eine riesige Menschenmenge aus allen Stämmen und Völkern, Menschen aller Sprachen und Kulturen; ´es waren so viele, dass` niemand sie zählen konnte. In weiße Gewänder gehüllt, standen sie vor dem Thron und vor dem Lamm, hielten Palmzweige in den Händen und riefen mit lauter Stimme: »Das Heil kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm!«“ (Offenbarung 7,9-10; NGÜ)

In seiner Vision vom Himmel sieht Johannes vor Gottes Thron eine Menschenmenge, die er als multikulturell identifizieren kann. Ich finde, dass man das nicht einfach übergehen darf. Es ist offensichtlich ein Teil von Gottes Herrlichkeit, dass er sich Menschen aus allen Volks- uns Sprachgruppen erlöst hat, und das diese Vielfalt in Ewigkeit erhalten bleibt. Die Evangelium löscht kulturelle Verschiedenheit nicht aus, sondern ‚erlöst‘ sie. Gott schmückt sich mit dieser Vielfalt. Und weil wir Gottes Ehre suchen, ist das auch unser Ziel als Kirche in Köln.

Konkret:
Rassismus ist Sünde. Und damit für uns als Christen keine Option. Es gibt auch unter Christen viel unterschwelligen Rassismus (kulturelle Überheblichkeit, Vorurteile), der z. T. aus der Bibel abgeleitet wird. Wir vergessen, dass unsere Feinde nicht Menschen, sondern die Sünde, der Teufel und seine Lügen sind. Davor wollen wir uns hüten, und uns dagegen aussprechen und stark machen. Die Unwissenheit und die Vorurteile auf beiden Seiten wollen wir aktiv angehen.

Versöhnung ist unser Auftrag. Das Evangelium kann Menschen zusammenführen. Unsere Vision ist eine Gemeinschaft, die einen Querschnitt der Stadt widerspiegelt. Wir wollen unsere ausländischen Nächsten lieben, indem wir ihnen helfen, sich zu integrieren. Wir möchten Friedensstifter sein und Leute zusammenbringen. Gott sieht den Einzelnen, er befasst sich mit ihnen. Wir wollen das gleiche tun.

„Wichtig in der ganzen Diskussion über Migration und Integration ist, dass wir aufhören zu pauschalisieren und anfangen zu differenzieren. Dies ist eigentlich eine Binsenweisheit – ist aber gleichzeitig unendlich schwierig. So wenig wie es die Deutschen gibt – genauso wenig gibt es die Türken, die Italiener und die Aussiedler oder die Anderen.“ (Tayfun Keltek; Integrationsbeauftragter der Stadt Köln)

Mehr Informationen: 100% Köln

2 Comments On “Eine Vision für interkulturelle Versöhnung”

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