Kirche ohne Jesus (Johannes Belger)

Vom Winde verweht

Wie schnell die Zeit vergeht. Gerade liegt Ostern hinter uns und auch für die Anhänger um Jesus damals. Die Ereignisse in Jerusalem hatten sich überschlagen. Trotz zahlreicher Konfrontationen mit seinen Gegnern-immer unbeschadet davon gekommen. Dann plötzlich die Ankündigung von Jesus selbst, beim traditionellen Pessach mit seinen Freunden: „Einer von euch wird mich verraten.“ Erschütterung und unangenehm das Ganze! Dann am selben Abend in ihrem „Lieblingspark“ die Festnahme. Urteilsverkündung in einer Nacht und Nebel Aktion vor dem jüdischen Hohen Rat. Am nächsten Tag Verurteilung durch den römischen Präfekt und die Hinrichtung durch Kreuzigung. Ein paar Tage später finden Freundinnen von Jesus sein Grab offen und leer. Ein Engel erscheint und sagt: „Jesus lebt wieder!“ Und tatsächlich begegnet Jesus Einzelnen, seinen gesamten engsten Freunden und vielen Leuten mehr .

Und dann, vierzig Tage später verschwindet Jesus einfach vor den Augen seiner Anhänger und Freunde (Lk 24; Apg 1). In einer Wolke. Christi Himmelfahrt. Jesus bei Gott und seine Anhänger ohne Jesus.

Sind die Christen damals und sind wir heute Kirche ohne Jesus? Zugegeben, heutzutage verhalten wir uns oft so. Jesus ist irgendwo da oben und wir sind auf uns gestellt. Wir „glauben“, dass Jesus uns „spirituell“ nah ist, aber er fühlt sich doch oft so fern an. Fern von unserm harten Alltag, selbst fern, wenn wir etwas für ihn zu tun wagen. Wäre Jesus doch noch leibhaftig unter uns…

Auch von außen die gleiche Erfahrung: Menschen begegnen einer Kirche ohne Jesus. Einer Kirche, welche die Worte von Jesus nicht ernst nimmt. Einer Kirche fern von der Lebenswirklichkeit der Menschen. Einer Kirche, die wie jeder andere Verein ist, ohne absolute Relevanz, mit denselben Machtspielen und Intrigen. Somit wird heutzutage der kirchliche Feiertag Christi Himmelfahrt in unserer Gesellschaft als Vatertag bzw. Herrentag begangen. Die Familie bzw. Frau wird allein gelassen und man vergnügt sich ohne sie auf nicht sehr souveräne Weise…

Was machten die Christen damals bloß ohne Jesus? Jesus war bereits in der Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt nicht mehr bei ihnen wie vorher. Im Johannesevangelium Kapitel 21 erfahren wir, dass sie ohne Jesus fischen gehen. Jesus hatte ihnen beim vorletzten Treffen den Auftrag gegeben, los zugehen. Menschen die Gute Nachricht von der Sündenvergebung zu erzählen. Und nun wieder etwas Alltägliches – Fischen gehen. Mit denselben Schwierigkeiten – Fische tatsächlich fangen. Jesus begegnet ihnen dort am See. Gibt Petrus, einem seiner engsten Vertrauten, erneut den Auftrag seine Kirche zu leiten.

Und nach Christi Himmelfahrt? Die Gemeinschaft um Jesus hält zusammen. Sie gehen nicht fischen, sondern in den Tempel. Sie treffen sich zum Beten. Sie losen einen Nachfolger aus für Judas Iskariot, um die Leitung wieder komplett zu haben. Sie bleiben Kirche, auch nach Christi Himmelfahrt. Kirche ohne Jesus.

Vom Wind belebt

Der Begriff „Kirche“ kommt aus dem griechischen κυριακή, dem Herrn zugehörig. Es bezeichnet die Beziehung zu Jesus als den Herrn. Zugleich wird unter „Kirche“ eine institutionelle Versammlung und eine organische Gemeinschaft verstanden, was in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments und im Neuen Testament als ἐκκλησία bezeichnet wird. Daher wird in bestimmten Sprachen statt eine Form von κυριακή (z.B. engl. church und ital. chiesa) eine Form von ἐκκλησία verwendet (z.B. frz. église oder span. iglesia). Von daher scheint die Überschrift „Kirche ohne Jesus“ zunächst ein Widerspruch in sich selbst zu sein. Aber mit Christi Himmelfahrt ist Jesus tatsächlich nicht mehr leibhaftig unter seinen Anhängern.

Die Kirche ist nichts Neues für sich. Die Gemeinschaft von Jesus Anhängern steht in Verbindung mit der Vergangenheit. Der Begriff ἐκκλησία wird bereits im Alten Testament für Gottes Volk Israel verwendet. Die Kirche ist das neue Gottesvolk (1Petr 2,9-10), aber nur ein Zweig auf Zeit im Baum der Beziehung Gottes mit uns Menschen (Röm 11). Nach Christi Himmelfahrt kommt der Heilige Geist an Pfingsten über Jesus Anhänger (Apg 2), was bereits im Alten Testament Einzelnen widerfuhr. Das besondere Neue ist, der Heilige Geist wird nun fester Teil von ihnen. Gottes Geist wohnt in der Kirche, indem er in jedem Einzelnen von Jesus Anhängern ist.

Die ersten Christen werden durch Gott selbst befähigt, auch ohne Jesus Kirche nach seinem Herzen und Willen zu sein. Die Worte von Jesus werden verstanden, verkündet, gelebt und verbreitet. Jesus durchdringt den Alltag seiner Anhänger und die Menschen spüren es. Die Kirche ist an der Lebenswirklichkeit der Menschen dran. Menschen werden Teil der Gemeinschaft um Jesus.

Vom Winde verweht heißt Gott selbst hat seinen Sohn von der Kirche genommen. Vom Geist belebt heißt Gott selbst befähigt die Kirche, seinen Dienst auf der Erde zu tun, ohne Jesus bis zu seiner Wiederkunft. Bleiben wir Kirche heutzutage? Durchdringt die Gute Nachricht unseren Alltag oder wird unser Handel durch den Alltag dirigiert?

Der Apostel Paulus ermutigt uns als Einzelne und als Kirche:

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden! Das alles aber kommt von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesus Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat; weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete und das Wort der Versöhnung in uns legte. So sind wir nun Botschafter für Christus, und zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun stellvertretend für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ (2 Korinther 5,17-21)

Johannes Belger

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