Liebe deine Stadt! (Tobias Sänger)

 

 

 

 

Christen sollten die Städte lieben, weil Gott Städte liebt. Gott liebt Städte, weil er Menschen liebt, und Städte sind voll von ihnen. Städte sind im Besonderen voll von den Menschen, die sich – laut den Evangelien – besonders zu Jesus hingezogen gefühlt haben, und zu denen er sich besonders ausstreckte. Das waren häufig nicht die Frommen, Konservativen, Religiösen (die meinten nämlich oft, keine Fragen offen und keine Hilfe nötig zu haben). Sondern es waren die ‚bunten Vögel‘, Freigeister, und die stigmatisierten Randgruppen und Ausgeschlossenen der damaligen Gesellschaft (Kinder, Frauen, Aussätzige, Arme, Prostituierte, Zöllner, Sünder, Fremde und Heiden).

Gott liebt Städte – Jesus weinte über den Zustand der Stadt Jerusalem. Christen sollten aber nicht nur Städte lieben, weil Gott sie liebt, sondern auch wie er sie liebt. Gott ist Liebe. Er zeigt uns, was Liebe eigentlich ist. Wir sieht göttliche Liebe aus? Und wie überträgt sich diese Liebe dann auf die Stadt?

Liebe will kennenlernen und verstehen. Kennst du deine Stadt? Studierst du deine Stadt? Interessierst du dich für Daten, Fakten, Geschichte, Hintergründe? Für die Menschen und ihre Geschichten? Auf diese Weise wird der Feind zum Freund. „In dem Moment, in dem ich meinen Feind wirklich verstehe – ihn gut genug verstehe, um ihn zu zestören, in genau diesem Moment liebe ich ihn auch.“ (Ender’s Game)

Liebe hat keine Angst.Wo die Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz“ (1. Johannesbrief 4,18). Sieht man das nicht zum Beispiel bei ‚Die Schöne und das Biest“? Wenn du die Stadt fürchtest, sie als Bedrohung für deinen Glauben/deine Werte empfindest, liebst du sie noch nicht so, wie du sie lieben solltest.

Liebe glorifiziert nicht. Das ist ein wichtiger Punkt, bei dem man oft missverstanden wird. Eine Stadt zu lieben heißt nicht, zum Hurrapatrioten zu werden, der alles toll findet. Das ist meiner Meinung nach hier in Köln manchmal ein Problem. Denn das ist ein Unterschied zwischen verliebt Sein und Lieben, zwischen unreifer und reifer Liebe. Eine Beziehung fängt oft damit an, dass man verliebt ist – dann sieht man den Anderen durch die rosarote Brille, verklärt ihn/sie. Aber echte Liebe ist sehr realistisch. Sie kennt die Guten und die Schlechten Seiten, das Schöne und das Hässliche, das Potential und die Wunden. Und Liebe nimmt an – sie akzeptiert das Gesamtpaket.

Liebe verpflichtet sich. Das ist eine ganz entscheidende Eigenschaft. Wir sehen das in der Liebe Gottes zu uns. Die drückt sich dadurch aus, dass er einen Bund mit uns schließt. Gott hat ein Volk, an das er sich bindet. Die Ehe ist Gottes Illustration für diese Bundes-Liebe: in guten wie in schlechten Zeiten, egal ob Krankheit und Armut oder Gesundheit und Reichtum – bis dass der Tod uns scheidet. Ich glaube, dass wir Christen brauchen, die sich ihrer Stadt verpflichten! Die nicht vielleicht nächstes Jahr woanders hin ziehen. Die nicht in der Stadt bleiben, weil es für sie angenehm, bequem und einfach ist, sondern weil sie sich entschieden haben ihre Stadt zu lieben! Wir Christen sind oft total weltlich, haben Angst vor Verpflichtungen und wollen uns immer möglichst wenig festlegen und alle Türen offenhalten (Multioptionalität für unsere Selbstverwirklichung). Und dann tun wir so, als wäre das die Schuld des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist nicht der Geist der Spontanität, des Unerklärbaren und Ungeplanten. Dass ist eine Projektion des Zeitgeistes auf den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist der Geist der Liebe Gottes. Und Liebe verpflichtet sich. So liebt Gott uns, und so sollen wir unsere Stadt lieben.

Liebe ist spezifisch und damit exklusiv. Eine Stadt zu lieben heißt auch, sie anderen Städten vorzuziehen. Auch das wir am Bild der Ehe deutlich. Hier haben wir ein weiteres, sehr verbreitetes Problem: wir verstecken uns hinter einer allgemeinen Liebe. Wir ‚lieben Menschen‘. Ich weiß, was damit gemeint ist. Wir denken, dass Ausschließlichkeit immer schlecht ist, und Gottes Liebe wiederspricht, der ja auch „alle Menschen“ liebt. Aber wenn es praktisch darum geht, Menschenliebe umzusetzen, müssen wir spezifisch sein. Es ist auch viel schwieriger und konkreter. Wir suchen oft eher das schummrige Gefühl ‚mit der Liebe Gottes erfüllt zu sein‘ als die praktische Umsetzung. Wenn wir versuchen, einfach alle zu lieben, werden wir in der Praxis versagen und keinen wirklich intensiv lieben.

Liebe dient. Jesus hat den Menschen gedient: er hat Zeit mit Menschen verbracht, ihnen zugehört, mit ihnen geredet, er hat geheilt und gepredigt. Er hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Aber sein größter Dienst an uns ist sein Tod am Kreuz. Was sind die Nöte deiner Stadt? Wie können wir Nöten konkret begegnen – im Kleinen anfangen?

Liebe zeigt Initiative. Gottes Liebe hat sich darin gezeigt, dass er für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Er ist den ersten Schritt auf uns zu gekommen. Genau genommen ist er den ganzen Weg gegangen. Seine Liebe war nicht an der Bedingung festgemacht, dass wir unsere Ernsthaftigkeit oder Güte zuerst beweisen müssten. Unsere Stadt zu lieben heißt, kreativ, pro-aktiv, initiativ zu sein. Das müssen keine Riesenaktionen sein.

Liebe sucht das Beste für die Stadt. Egal, welche Endzeitsicht wir haben – die Nächstenliebe fordert von uns, dass wir für unsere Stadt das Beste wollen. Christen dürfen nicht Deterministisch sein (also passiv bleiben, weil das Schicksal der Welt ja sowieso vorherbestimmt ist). Wir sind nicht passive Zuschauer eines sich entfaltenden Endzeitszenarios, sondern Mitgestalter der Gesellschaft, deren Teil wir sind. Wir sind als Christen Teil von Gottes Plan zur Rettung der Welt.

Liebe verändert. Das ist eine Tatsache. Eine Liebe, wie ich sie bis jetzt beschrieben habe, wird nicht ohne Auswirkungen bleiben. Wenn wir Köln einfach nur toll finden, wird sich nichts verändern. Wenn wir Köln einfach schlecht finden, wird sich auch nichts verändern. Aber wenn wir Köln lieben „mit einem transzendenten Bezug“ (Chesterton), wird Veränderung passieren.

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