Miteinander: Interkulturelle Versöhnung (Daniel Dangendorf)

In Köln braucht man nur auf die Straße zu gehen und man merkt, wie viele verschiedene Nationalitäten hier dicht auf dicht beieinander leben. Wir bemühen uns, miteinander auszukommen, aber oftmals ist das Miteinander mehr ein Nebeneinander, ganz nach dem Motto: „Leb‘ du dein und ich mein Leben!“ Wir können uns selbst testen: wenn du Deutscher bist: hast du deine türkischen oder koreanischen Nachbarn schon einmal besucht? Wenn du Ausländer bist: wie viel Zeit verbringst Du mit deinen deutschen Arbeitskollegen und Freunden? Integration ist in aller Munde, kann aber nur funktionieren, wenn beide Seiten Vorurteile abbauen und aufeinander zugehen. Wir wissen alle, dass die Städtebaupolitik dazu geführt hat, dass auch in unserer Stadt eine Tendenz zu kulturellen oder sozialen Ghettos besteht. Man grenzt sich von einander ab: die Reichen wohnen in Marienburg, der Mittelstand in Sülz oder Lindenthal und nach Chorweiler oder Mülheim trauen sich viele Menschen gar nicht mehr. Ist das interkulturelle Versöhnung?

Türkische Einwanderer 1964

Versöhnung bleibt nicht beim Nebeneinander stehen, sondern will ein echtes Miteinander leben. Als das Christentum entstand, stand die frühe Kirche vor ähnlichen Integrationsproblemen wie wir heute. Nur das es nicht um Türken und Deutsche ging, sondern um Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen, die in einer Kirche miteinander auskommen mussten. Dieses Problem wurde nur dadurch bewältigt, dass man realisierte: vor Gott sind alle Menschen gleich, völlig unabhängig von ihrer Rasse, ihrem Geschlecht, ihrer sozialen Stellung. Das Entscheidende ist das „vor Gott“: kein Mensch kann darüber verfügen, kein menschlicher, auch kein gesellschaftlicher Konsens kann über den Wert eines anderen Menschen verfügen. Die Würde des Anderen ist unantastbar und wenn staatliches Recht sie einmal beugen sollte, wissen wir als Christen, dass wir zuallererst Gott verantwortlich sind. Wir alle benötigen gleichermaßen Gottes Gnade, ob wir nun ein gut integriertes bürgerliches Leben führen, eine kriminelle Vergangenheit haben oder einfach anders sind als unsere Mitmenschen. Paulus schreibt in Galater 3,26-28 an die multikulturelle Gemeinde in Galatien:

„Ihr alle seid also Söhne und Töchter Gottes, weil ihr an Jesus Christus glaubt und mit ihm verbunden seid. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt ein neues Gewand angezogen – Christus selbst. Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.“

Wer das Evangelium verstanden hat, kann sich nichts mehr auf seine Herkunft und seine Stellung einbilden. Wenn ich meine eigenen Macken kenne und akzeptiere, werde ich mit der Fremdheit des Anderen anders umgehen können. Hier kann Versöhnung Wirklichkeit werden. Es geht nicht darum, seine eigene Identität aufzugeben. Auch unter den ersten Christen behielt jeder seine nationale Identität, man lernte aber, die Fremdheit des Anderen zu schätzen und die Schwierigkeiten des multikulturellen Zusammenlebens durch das Evangelium zu überwinden.

Wir wünschen uns zuerst eine Kirche, die interkulturelle Versöhnung lebt, in der viele Nationalitäten und verschiedene Menschen miteinander versöhnt und nicht nebeneinander leben. Wir müssen bei uns selbst anfangen. Wenn es uns gelingt, in unserem Leben Raum für interkulturelle Begegnungen zu schaffen, wird dies das Klima unserer Stadt spürbar verbessern. Wir wünschen uns, dass wir Kölner uns nicht auf unserer Weltoffenheit und Toleranz ausruhen, sondern tatsächlich miteinander leben, den Fremden mit offenen Armen empfangen und seine unveräußerliche Menschenwürde achten. Und mal ganz ehrlich: wir alle waren oder sind „Immis“, selbst die Urkölner sind irgendwann einmal eingewandert.

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