Ungeahnte Kräfte (What Would Jesus Pray, Teil 1)

„In der alten Kirche war es nichts Ungewöhnliches, „den ganzen David“ auswendig zu können. In einer orientalischen Kirche war dies Voraussetzung für das kirchliche Amt. Der Kirchenvater Hieronymus erzählt, dass man zu seiner Zeit in Feldern und Gärten Psalmen singen hörte. Der Psalter erfüllte das Leben der jungen Christenheit. (…) Mit dem Psalter geht einer christlichen Gemeinde ein unvergleichlicher Schatz verloren, und mit seiner Wiedergewinnung werden ungeahnte Kräfte in sie eingehen.“

…schrieb Dietrich Bonhoeffer in seinem letzten Buch vor dem Schreibverbot. Einem Buch über die Psalmen als dem Gebetbuch der Bibel. In der Einleitung zu seinem Psalmenkommentar beschrieb der Theologe Franz Delitzsch wie im Zuge der Reformation so eine Wiedergewinnung der Psalmen passiert war:

„Als nun aber der Kirche durch die Reformation ein neues Licht (…) aufging, (…) da begann auch der Rosengarten des Psalters wie in verjüngter mailicher Frische zu duften und, wiedergeboren aus dem Psalter, erschollen Lieder in deutscher Sprache vom Ostseestrande bis zum Fuße der Alpen in der vollen Inbrunst erneuerter erster Liebe.“

Die Psalmen wurden neu entdeckt, in deutscher Sprache vertont, und dann auch gebetet und gesungen. Nicht nur in Kirchen und Schulen, sondern auf dem Feld, auf Marktplätzen, in den Häusern. Meine Hoffnung ist es, dass wir in der freikirchlichen Tradition das Gebet- und Gesangbuch der Bibel wiederentdecken – sowohl für unsere Gottesdienste als auch für das persönliche Gebet alleine zu Hause.

Um einen Beitrag dazu zu leisten, möchten wir hier eine kleine Serie zum Thema veröffentlichen. Dabei will ich vor Allem wichtige Stimmen zu Wort kommen lassen. Aber die wichtigste Stimme ist natürlich die von Jesus. Jesus war als Jude mit den Psalmen vertraut. Hier lernten Juden beten, hier war ihr Gesangbuch für ihre Gottesdienste, Feste und Zeremonien. Jesus betete die Psalmen – gelesen, frei aufgesagt, gesungen. Zwei konkrete Beispiele finden wir in den Evangelien:

„Dann sangen sie ein Loblied und gingen hinaus auf den Ölberg.“ (Matthäus 26,30)

Das letzte Passahmahl von Jesus mit seinen Jüngern endet mit dem traditionellen Lobgesang. Dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um den zweiten Teil des „Hallel“ – die Psalmen 115-118. Offensichtlich gab es dazu bekannte Melodien, so dass Jesus und die Jünger zusammen singen konnten.

 „Wichtiger als alles aber ist, dass Jesus mit den Worten der Psalmen auf den Lippen am Kreuz gestorben ist.“ (Bonhoeffer)

„Gegen drei Uhr rief Jesus mit lauter Stimme: »Eli, Eli, lama asabtani?«, das bedeutet: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«“ (Matthäus 27,46)

Jesus hängt am Kreuz, wird gerade zu Tode gefoltert. Und er betet Psalm 22. Das allein hat, finde ich, eine ungeheure Aussagekraft.

Psalmen zu beten und zu singen gehörte von der ersten Stunde an auch zur Praxis der christlichen Gemeinden. Damit gehörte es zu den Dingen, die von den Christen aus der jüdischen Spiritualität übernommen wurden – für den persönlichen Gebrauch und in die Gottesdienste. Die zwei Male, die der Apostel Paulus die Psalmen erwähnt, machen deutlich, dass die Psalmen zwar nicht das Einzige waren, was als Gesangbuch diente, aber dass sie fester Bestandteil des Liedgutes waren. Er schreibt an die Gemeinden in Ephesus und Kolossä:

„Singt miteinander Psalmen und Lobgesänge und geistliche Lieder, und in euren Herzen wird Musik sein zum Lob Gottes.“ (Epheser 5,19) „Singt Gott aus ganzem Herzen Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder.“ (Koloser 3,16b)

Es ist Zeit, die Psalmen neu wertzuschätzen. Und die größte Wertschätzung zeigt sich im Gebrauch der Psalmen! Den müssen wir aber erst lernen. Dabei werden hoffentlich die nächsten Artikel behilflich sein.

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