Vielfalt und Schönheit (What Would Jesus Pray 2)

Die Psalmen waren für Jesus selbst und für die frühen Christen ein unersetzlicher Schatz. Im Zuge der Reformation wurden sie hier in Deutschland von den einfachen Gläubigen aus dem Volk wiederentdeckt. Mit ihrer Wiederentdeckung und Vertonung wurden und werden ungeahnte Kräfte frei. Dieses Potential für spirituelle Erneuerung und Tiefe liegt natürlich darin begründet, dass die Psalmen ein total außergewöhnliches Buch sind.

Außergewöhnliche Vielfalt.

„Die kleine Bibel“ – so nannte Martin Luther die Psalmen. In der Einleitung seines Psalmenkommentars schrieb der Reformator:

„Mir scheint, der heilige Geist habe sich die Mühe gemacht, eine kurze Bibel (…) zusammen zu stellen, damit, wer die ganze Bibel nicht lesen kann, hier doch fast den ganzen Inhalt in einem kleinen Büchlein findet.“

In einem Brief an Marcellinus griff der Kirchenvater Athanasius den gleichen Gedanken auf:

 „Das Buch der Psalmen aber trägt wie ein Garten das, was in allen [Büchern der Bibel] vorkommt, als kleine Pflanze in sich und besingt es und zeigt wieder, was ihm eigen ist, indem es darüber Psalmen singt.“

Mit anderen Worten: in den Psalmen findet sich (zum Teil versteckt und verstreut, aber vollständig) all das wieder, wovon der Rest der biblischen Schriften handelt: Gesetz, Propheten, Evangelium. Das Außergewöhnliche an den Psalmen ist, dass diese Inhalte in Liedern verarbeitet werden. Die Psalmen sind das Liederbuch der „Schriftbesitzer“, wie Juden und Christen im Koran bezeichnet werden.

Außergewöhnlich subjektiv.

Der Glaube wird in gesungenen Gebeten, poetisch und musikalisch, verarbeitet. Dadurch wird eine weitere Dimension hinzugefügt, ein Zugang geschaffen.

In „A Case for the Psalms“ schreibt N. T. Wright: „Wenn du ein Gedicht vertonst, fügst du eine weitere Dimension hinzu. Musik ist eine klassische Aktivität der rechten Gehirnhälfte. Durch sie entsteht in uns eine neue und größere Welt. Innerhalb dieser Welt kann die rationale Analyse der linken Gehirnhälfte ihre untergeordnete Aufgabe vernünftig erfüllen.“

Deswegen kann man sagen: „Was das Herz für den Körper, sind die Psalmen für die Bibel.“ (Johann Arndt) Die Psalmen bilden die innere Mitte, das Herz der Bibel. Um wirklich in dieses Herz zu gelangen, müssen wir die Psalmen als Gedichte lesen, als Gebete beten und als Lieder singen. Ihr Wesen verbietet uns eine rein theoretische, verkopfte Auseinandersetzung mit ihnen. Hier werden nicht Glaubensinhalte logisch aufgearbeitet – hier werden wir in die Gefühls- und Gedankenwelt eines Beters mit hineingenommen!

Dem Psalmenleser, -beter oder -sänger wird sehr schnell klar, dass er hier so ziemlich das Gegenteil einer systematischen Theologie vor sich liegen hat. Die Psalmen sind keine „Sammlung von ‚Wahrheiten‘, die sich säuberlich abfüllen lassen“ (Lesslie Newbigin). Abgesehen davon, dass es gerade auf der Suche nach der Wahrheit keine unabhängige Vernunft oder reine Objektivität geben kann, wäre der Versuch, die Psalmen auf diesem technischen, ‚wissenschaftlichem‘ Wege verstehen zu wollen, doppelt zum Scheitern verurteilt. Du kannst sie nicht als ’neutrale dritte Person‘ lesen.

Du musst dich auf sie einlassen wie auf ein Kunstwerk, ein Musikstück, eine Beziehung. Die Psalmen kann man nur von innen heraus begreifen. Man muss sie erfahren. Dazu muss man sie als zweite Person, als mitbetender Teil der anbetenden Gemeinschaft behandeln. Alles andere wäre halbherzig – und die Psalmen blieben für dich ewig ein Buch mit sieben Siegeln.

 

Beim nächsten Eintrag wird es darum gehen, wie die Psalmen uns helfen, uns selbst und Gott zu erkennen.

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