Erkenne dich selbst – und Gott (What Would Jesus Pray, Teil 3)

„…nimm den Psalter vor dich. Dann hast du einen feinen, hellen, reinen Spiegel (…). Ja du wirst auch dich selbst und das rechte „Gnothi seauton“ (Erkenne dich selbst) darin finden. Dazu Gott selbst und alle Kreaturen.“ (Martin Luther)

Die Psalmen sind im Kanon der Bibel in vieler Hinsicht sehr außergewöhnlich. Sie sind sehr vielfältig, weil in ihnen der ganze jüdisch-christliche Glaubensinhalt in Gebeten und Liedern verarbeitet wird. Außergewöhnlich ist auch, dass sie die Absicht haben, uns den subjektiven, persönlichen Einstieg zu diesem Glauben zu vermitteln.

In unserer freikirchlichen Tradition ist oft die Rede davon, „dass wir so zu Gott kommen können, wie wir sind“. Für die Psalmisten war das mehr als ein Klischee. Kommen wie wir sind – wie sind wir denn? Manchmal zornig, verwirrt, verärgert, fragend, zweifelnd, abgelenkt. Mit Gleichgültigkeit, Schuldgefühlen, Frustration, Angst, Wut, Unsicherheit. Und manchmal mischt sich dass dann auch zu einer komischen Kombi mit Dankbarkeit, Freude und Ehrfurcht. In den Psalmen ist das (im Gegenteil zu unseren Gebeten und Liedern) alles vertreten.

Die Psalmen sind schonungslos ehrlich im Umgang mit den eigenen Gefühlen und Gedanken –ehrlich im Bezug auf die Situation, und auf die Fragen, die sich dadurch im Bezug auf Gott auftun. Und obwohl das zur Folge hat, dass viele Psalmen weder ästhetisch, erhebend noch fromm sind (viele wirken auf den ersten Blick nicht mal wirklich inspirierend), ist dieser brutal ehrliche Umgang mit sich selbst und Gott als realem Gegenüber erfrischend. Das Gegenteil von religiöser Heuchelei und frommem Getue. Raw & Authentic.

Erkenne dich selbst!

„Ich pflege das Psalmbuch nicht ohne Grund eine Anatomie aller Teile der Menschenseele zu nennen; denn es findet sich kein Gefühl im Menschen, dessen Bild nicht in diesem Spiegel zu finden ist. Alle Schmerzen, alle Traurigkeit, alle Befürchtungen, Zweifel, Hoffnungen, Sorgen, Ängste, ja auch alle die gemischten Regungen schließlich, die den Menschengeist umtreiben, hat hier der heilige Geist nach dem Leben geschildert.“

schrieb der Reformator Calvin. Die Psalmen bilden alles ab, was in uns passiert. Jeder, der sich ehrlich mit sich selbst auseinander setzt, wird sich in diesen Gebeten und Liedern wiederfinden können. Hier wird nichts schöngeredet, vertuscht oder fromm verschwiegen. Dadurch kann sich derjenige, der die Psalmen liest, betet oder singt (wenn er ehrlich ist) mit den verschiedenen Gefühlsregungen und Gedanken identifizieren.

„Denn außer den übrigen Eigenschaften, in denen es mit den übrigen Büchern [der Bibel] Verwandtschaft und Gemeinschaft bat, hat es noch diese wunderbare Eigenschaft, dass es die Bewegungen jeder Seele, ihre Umwandlungen und Besserungen in sich dargestellt und ausgeprägt enthält, so dass man, wenn man will, sie aus demselben wie aus einem Bilde entnehmen und begreifen und eine solche Gestalt sich aneignen kann, wie sie dort beschrieben ist.“ (Kirchenvater Athanasius)

Die Psalmen weisen aber immer auch über die eigene Erfahrung hinaus. Der Blick nach innen war ehrlich und schonungslos, aber diese Gebete enden nicht als Nabelschau. Im Durcheinander der eigenen Gefühle und Gedanken blitzt doch immer wieder ein Licht durch. Das Licht der Erkenntnis Gottes – der Blick nach oben: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird meine Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121,1-2)

Erkenne Gott!

Gott begegnet uns in den Psalmen zum einen in der offensichtlichen Form: als allmächtiger Schöpfer und gerechter Richter der ganzen Welt. Als Gott Israels aber auch als Gott des einzelnen Beters.

Aber dann begegnet er uns in den Psalmen als der Mensch Jesus Christus. Verallgemeinernd kann man sagen, dass die Psalmen dann erst wirklich Sinn ergeben, wenn wir sie Jesus in den Mund legen. Denn eigentlich ist er es, der die Psalmen betet. Doch dazu mehr beim nächsten Mal.

Wir können Gott eigentlich nur kennenlernen, indem wir in Beziehung zu ihm treten. Informationen über ihn gibt es viele. Aber die eigentliche Erkenntnis Gottes kommt, wenn wir wirklich „so zu ihm kommen, wie wir sind“. Bist du dazu bereit?

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