Gemurmelte Gebete (What Would Jesus Pray, Teil 5)

Es ist interessant, einen Blick darauf zu werfen, wie die Psalmen beginnen. Die Psalmen 1 und 2 bilden eine Art Einleitung, Vorwort oder Tor in die Psalmen. In ihnen werden wir bewusst dazu angeleitet, wie wir die Psalmen lesen sollten. In ihnen begegnen uns auch bereits die wichtigsten Protagonisten und Themen der Psalmen wie die Gerechten, die Gottlosen und Gottes Königsherrschaft.

Psalmen 1 und 2 bereiten den Weg. Sie bereiten uns auf das Gebet vor. Die Psalmen sind ein bearbeitetes Buch. All diese Gebete wurden gesammelt und an einem bestimmten Punkt in der Geschichte Israels angeordnet, wobei Psalm 1 und Psalm 2 als Eingangstor dienen, als Säulen, die den Weg ins Gebet flankieren. Wir werden nicht ganz ungezwungen in die Welt des Gebets hineingeworfen – wir werden höflich durch eine großzügige Vorhalle geleitet.“ (Eugene Peterson; Answering God – The Psalms as tools for prayer)

Psalm 1 will uns zum Nachdenken über Gottes Gesetz anregen:

Wohl dem, der nicht dem Rat der Frevler folgt und nicht auf den Weg der Sünder tritt, noch sitzt im Kreis der Spötter,

sondern seine Lust hat an der Weisung des HERRN und sinnt über seiner Weisung Tag und Nacht.

Der ist wie ein Baum, an Wasserbächen gepflanzt: Er bringt seine Frucht zu seiner Zeit, und seine Blätter welken nicht. Alles, was er tut, gerät ihm wohl.“ (Zürcher Übersetzung)

Das hebräische Wort für Nachsinnen (hagah) meint eigentlich ein „Murmeln“ der Weisung (torah), ein halblautes Sich-Vorsprechen mit dem Ziel, Gottes Gesetz einzuüben und zu lernen. Genau so wird es von orthodoxen Juden bis zum heutigen Tag verstanden und praktiziert: Sie murmeln Gottes Wort vor sich hin, und wippen dabei rhythmisch vor und zurück.

„Sinnen bedeutet etwas Anderes als nur Gottes Wort zu lesen oder darüber nachzudenken. Es ist nicht so sehr ein intellektueller Vorgang, bei dem man Bedeutungen herausfindet, sondern ein körperlicher Vorgang: diese Worte wieder und wieder zu hören, während wir sie aussprechen, und den Klang in unsere Muskeln und Knochen aufzunehmen. Nachsinnen bedeutet Verdauen.“ (Eugene Peterson; Answering God – The Psalms as tools for prayer)

Dabei ist es kein Zufall, dass die Psalmen mit dieser Aufforderung zum Nachsinnen beginnen. Das hebräische Alte Testament ist anders geordnet als unsere heutigen Bibelübersetzungen, die in der Reihenfolge der einzelnen Bücher der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, folgt. Das hebräische Alte Testament gliedert sich in 3 Teile, das Gesetz (Torah, die 5 Bücher Mose), die Propheten (Nebiim, prophetische Bücher und Geschichtsbücher) und die Schriften (Ketuvim, Weisheitsliteratur und Chronik). Die Psalmen bilden den Anfang der Ketuvim. Jeder dieser 3 Teile beginnt mit einer Betrachtung des Wortes Gottes. Die Schöpfungserzählung (Gen 1) zeigt die schöpferische Kraft von Gottes Wort. Am Beginn der Nebiim (Jos 1,8-9) wird Josua ermahnt, das Buch der Weisung, also die Torah, die 5 Bücher Mose, nicht von seinem Mund weichen zu lassen und darüber ständig nachzusinnen. Daran knüpft Psalm 1 als Einleitung in die Psalmen und die Ketuvim bewusst an.

Vor diesem Hintergrund können wir den Psalter als Ganzes auch als eine Art Meditation über Gottes Gesetz deuten, ein reflektiertes Nachdenken über Gottes Gebote. Bei diesem Nachdenken geht es jedoch nicht einfach um ein stupides Auswendiglernen und passives Hinnehmen von Gottes Geboten. Die Psalmen nehmen Gottes Gebote in den Alltag hinein und schildern die täglichen und nächtlichen Kämpfe und Schwierigkeiten der Psalmisten, ihr Hadern mit den Umständen und mit Gott selbst. In diesem Ringen mit den alltäglichen Problemen wird deutlich, wie sie diese vor Gott bringen und vor dem Hintergrund seiner Gebote durchdenken. Und in diesem ehrlichen Ringen vor Gott kommen sie immer wieder an den Punkt, an dem sie sich an Gottes Weisungen und Verheißungen festhalten (Ps 19; 119).

Wenn wir in unserem Leben Wurzeln schlagen, ein fruchtbringender Baum (jemand, dessen Leben für andere bereichernd ist) an Wasserbächen sein wollen, sollten wir uns ebenfalls diese Zeit zum Nachdenken über Gottes Wort nehmen. Dazu bieten uns die Psalmen eine unerlässliche Hilfe, solange wir uns die Zeit dafür nehmen, sie in Ruhe zu ‚verdauen‘. „Dein Wort ist eine Leuchte meinem Fuß und ein Licht auf meinem Pfad.“ (Ps 119,105)

(Daniel Dangendorf)

Kommentar verfassen