Über die Spiritualität des Wartens

…das Warten [ist] nicht besonders beliebt. Es ist nichts, worauf wir uns freuen und die meisten von uns betrachten es schlicht als Zeitverschwendung.

In zwei von seinen Büchern schrieb der bis heute vielgelesene Autor Henri Nouwen über unser Verständnis von Zeit und – damit zusammenhängend – über die „Spiritualität des Wartens“. Seine Worte sind aktueller denn je:

„Hoffnung, die aus Vertrauen erwächst, schenkt uns eine neue Beziehung zu den Stunden und Tagen unseres Lebens. Wir sind eigentlich stets versucht, Zeit chronologisch zu betrachten, als chronos also, und damit als eine Reihe nicht miteinander in Zusammenhang stehender Ereignisse und Zufälle. Mit Hilfe dieser Sichtweise können wir unserer Meinung nach mit der Zeit umgehen und die uns gestellten Aufgaben bewältigen. Diese Sichtweise birgt allerdings auch die Möglichkeit, uns als Opfer unserer Terminkalender zu fühlen, denn sie bedeutet, dass Zeit belastend wird. Wir teilen unsere Zeit in Minuten, Stunden und Wochen ein und lassen uns von diesen Zeitabschnitten beherrschen.

Als immer noch nicht vollständig bekehrte Menschen versinken wir in der Uhrzeit. Zeit wird Mittel zum Zweck, besteht nicht mehr aus Augenblicken, in denen wir uns an Gott freuen oder anderen unsere Aufmerksamkeit schenken. Und am Ende glauben wir dann immer, dass das Eigentliche erst noch kommt. Die Zeit, die eigentlich zum Feiern oder Beten oder Träumen gedacht ist, wird bis ins Letzte ausgepresst. Kein Wunder, dass uns das müde macht und auslaugt! Kein Wunder, dass wir uns in unserem Erleben und unserer Wahrnehmung von Zeit manchmal hilflos und armselig fühlen.

Das Evangelium spricht jedoch von „erfüllter Zeit“. Das, wonach wir suchen, ist schon da. (…) Zeit muss demnach also übertragen werden von chronos, der chronologisch ablaufenden Zeit, in kairos, das ist ein griechisches Wort aus dem Neuen Testament, das zu tun hat mit Gelegenheiten, mit Augenblicken, die reif scheinen für einen bestimmten Zweck. (…) Die Zeit ist dann nicht nur etwas, durch das man hindurchmuss, das man ausnutzen oder im Griff haben muss, sondern Zeit ist dann der Schauplatz des Wirkens Gottes in und an uns.“ (Aus: Du schenkst mir Flügel)

Henri Nouwen

„In unserem persönlichen Leben ist das Warten nicht besonders beliebt. Es ist nichts, worauf wir uns freuen und die meisten von uns betrachten es schlicht als Zeitverschwendung. Vielleicht liegt das daran, dass die Kultur, in der wir leben, im Grunde fordert: ‚Los doch! Tu etwas! Zeige, dass du etwas Wichtiges erreichen kannst! Sitz nicht bloß da und warte!‘ Daher ist das Warten für uns und für viele Menschen eine Durststrecke zwischen dem Punkt, wo wir sind, und dem, an den wir gelangen wollen. Ein Ort, der uns nicht gefällt. Wir wollen ihn hinter uns lassen und etwas tun, was von Bedeutung ist.

In unserer besonderen geschichtlichen Situation ist das Warten noch schwieriger, weil wir so große Angst haben. Angst ist heute eines der am weitesten verbreiteten Gefühle! Wir alle haben Angst – vor anderen Menschen, vor verborgenen, bedrängenden Gefühlen und auch vor einer unbekannten Zukunft. Und deshalb fällt es uns so schwer, zu warten, denn die Angst drängt uns, von da wegzukommen, wo wir sind. Und wenn wir feststellen müssen, dass wir nicht weglaufen können, entschließen wir uns vielleicht, zu kämpfen. Unsere Angst, dass man uns etwas antun könnte, führt zu vielen zerstörerischen Handlungen.

Wenn wir unsere Perpektive ausweiten, wenn wir bedenken, dass nicht nur wir selbst Angst haben, sondern auch ganze Gemeinschaften und Nationen, können wir noch besser verstehen, wie schwierig es ist, zu warten, und wie groß die Versuchung ist, etwas zu tun. Genau hier liegen die Wurzeln für die Einstellung, dass wir den ‚Erstschlag‘ führen müssen. Wer in einer Welt der Angst lebt, von dem sind eher aggressive, feindliche, zerstörerische Reaktionen zu erwarten als von Menschen, die nicht so große Angst haben. Je mehr Angst wir haben, desto schwerer fällt uns das Warten. Deshalb ist es bei den meisten von uns so unbeliebt.

(…) Warten, wie wir es bei den Menschen auf den ersten Seiten des Lukasevangeliums erleben, ist ein Warten, dass eine Verheißung erfüllt wird. (…) Jedem von denen, die da warteten, war eine Verheißung geschenkt worden, die ihm Mut gab und es ihm ermöglichte, zu warten. Sie hatten etwas empfangen, was dann in ihnen weiterwirkte, eine Saat, die begonnen hatte, aufzugehen und zu wachsen.

Das ist sehr wichtig für uns, denn auch wir können nur dann warten, wenn das, worauf wir warten, für uns bereits begonnen hat. Warten ist nie eine Bewegung von ’nichts‘ zu ‚etwas‘, sondern immer eine Bewegung von ‚etwas‘ zu ‚mehr‘. (…)

Die meisten von uns betrachten Warten als etwas sehr Passives, als einen Zustand der Hoffnungslosikgiet, der durch Ereignisse bestimmt wird, auf die wir keinerlei Einfluss haben. (…) Im Warten, von dem die Bibel erzählt, gibt es diese Passivität jedoch nicht. Diejenigen, die warten, tun das sehr aktiv. Sie wissen, dass das, worauf sie warten, aus dem Boden wächst, auf dem sie stehen. Und das ist eines der Geheimnisse des Wartens: Wenn wir überzeugt sind, dass eine Saat ausgebracht worden ist und dass bereits etwas begonnen hat, verändert das die Art, wie wir warten. Aktives Warten bedeutet, dass wir voll für den Augenblick da sind, in der Überzeugung, dass dort, wo wir sind, etwas geschieht, und dass wir dabei sein wollen. Wer wartet, ist ganz für den Augenblick da und glaub, dass gerade dieser Augenblick der entscheidende ist. (…)

Ich habe in meinem eigenen Leben festgestellt, wie wichtig es ist, zu versuchen, meine Wünsche aufzugeben und stattdessen in Hoffnung zu leben. Wenn ich mich dafür entscheide, meine manchmal doch kleinen und oberflächlichen Wünsche aufzugeben und darauf zu vertrauen, dass mein Leben in den Augen Gottes wertvoll und von Bedeutung ist, beginnt etwas wirklich Neues für mich zu geschehen, etwas, was jenseits meiner Erwartungen liegt.

Mit Offenheit und Vertrauen zu warten ist eine ungeheuer radikale Lebenseinstellung. Sie bedeutet, sich für die Hoffnung zu entscheiden, dass etwas für uns geschieht, was unsere Vorstellung weit übersteigt – die Kontrolle über unsere Zukunft aufzugeben und unser Leben von Gott bestimmen zu lassen – in der Überzeugung zu leben, dass Gott uns in Lieb formt, in Zärtlichkeit hält und uns fortträgt von den Quellen unserer Angst.

Unser spirituelles Leben ist also ein Leben, in dem wir warten – aktiv für den Augenblick da, in der Erwartung, dass Neues für uns geschen wird, etwas, was weit außerhalb unserer vorstellung oder Vorhersage liegt. In einer Welt, in der es so sehr um Kontrolle geht, ist das wirklich eine sehr radikale Lebenseinstellung.“ (Aus: Nach Hause finden)

 

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