Advent: Warten, dass Gott handelt (Brian Zahnd)

 

Jeremiah lamenting the destruction of Jerusalem *oil on panel *58 x 46 cm *signed b.r.: RHL 1630 *inscribed on the bible: BiBeL

Der Advent ist zum Warten da. Wenn wir die Geschichte der Erlösung durch das Kirchenjahr erzählen, beginnt diese heilige Geschichte nicht mit dem Tun, nicht mit dem Feiern, sondern mit dem Warten. Warten, dass Gott handelt.

Doch die meisten von uns – Kinder des Hightech-, Highspeed- und Instant-Zeitalters – sind nicht sehr gut im Warten. Es fühlt sich zu sehr nach Nichtstun an, und wir sind die Getriebenen, die stolz darauf sind, beschäftigt zu sein. Warten ist nicht wirklich unser Ding.

Oder schlimmer noch: das Warten ist uns zu sehr wie Klagen, was der Wahrheit noch näher kommt. Weil wir den Sinn des christlichen Kalenders, des Kirchenjahres, nicht mehr wirklich begreifen, haben wir Advent und Weihnachten zu einer großen „Weihnachtszeit“ zusammengefasst.

Aber tatsächlich ist Advent ganz anders als Weihnachten, da beim Advent der Schwerpunkt auf der prophetischen Klage liegt. Die Welt bewegt sich in die falsche Richtung: die Gerechtigkeit liegt erschlagen in den Straßen, und Gott scheint nirgendwo zu finden. Dann erhebt sich die Klage des Wartens in unserer Seele: „O Herr, wie lange?“ Von Jesaja bis Maleachi gibt es ein beständiges Thema: die Klage darüber, dass Gott nicht zu handeln scheint. Alle hebräischen Propheten, jeder auf seine Weise, verfassten ihre prophetischen Gedichte über dieses wiederkehrende Motiv: Der Herr kommt, Gott ist dabei zu handeln, aber noch müssen wir warten.

Aber das Warten ist essentiell! Denn es ist das Warten, durch das unsere Seele ruhig und kontemplativ wird. So entwickeln wir die Fähigkeit, zu erkennen was Gott tut und zu merken, wenn er handelt.

Wir sind von einem Götzendienst verführt worden. Der gaukelt uns vor, dass Gott meistens im Großen und im Lauten zu finden ist, obwohl das fast nie der Fall ist. Die Wege Gottes sind meistens klein und ruhig. Die Wege Gottes sind ungefähr so laut wie Samen, der auf den Boden fällt oder Brot, das in einem Ofen aufgeht. Die Wege Gottes sind fast nie in den Rufen der Menge zu finden; die Wege Gottes finden sich häufiger in geweinten Tränen und geflüsterten Gebeten. Wir wollen, dass Gott etwas Großes tut, während Gott plant, eine kleine Sache zu tun. Wir sind beeindruckt von den Großen und Lauten. Gott nicht. Wir sind in Eile. Gott nicht. Wir wollen, dass Gott schnell handelt, aber sein Tempo ist fast immer langsam.

Wir warten also darauf, dass Gott handelt. Aber ich hätte einen Vorschlag: Nicht so sehr darauf zu warten, dass Gott endlich etwas tut, sondern vielmehr im Warten zu lernen, kontemplativ zu sein. Dann können wir erkennen, was er bereits macht. Denn Gott handelt immer, weil Gott seine Schöpfung immer liebt. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist laden uns immer in ihr Haus der Liebe ein. Aber wenn wir von Wut, Angst und Ungeduld erfüllt sind, sind wir blind und taub gegenüber dem, was Gott im gegenwärtigen Moment tut.

Als Gott in diesem entscheidenden Moment durch die Menschwerdung unsere Geschichte betrat, wer hat ihn erkannt? Nicht die Pharisäer, deren religiöse Bewegung lautstark vorhersagte, dass Gott handeln würde. Nicht die Schriftgelehrten und Priester, die professionelle Experten in der prophetischen Schrift waren. Stattdessen waren es heidnische Sterngucker und Bauernhirten, die erkannten, was Gott tat. Sie waren nicht die Experten und sie waren nicht die Reaktionäre im lauten Zentrum des religiösen Lärms. Sie waren stille Menschen an den stillen Rändern des kontemplativen Denkens.

Die Sterne zu betrachten und nachts zu wachen, sind tiefgreifende Metaphern für das kontemplative Leben. Für die meisten Menschen scheint es, dass die Magier und die Hirten in ihren langen Nachtwachen nichts Wichtiges taten. Aber sie waren es, die erkannten, was Gott da gerade tat. Es waren kontemplative Sterngucker und Hirten, die gelernt hatten, schweigend zu warten, die ihren Weg nach Bethlehem fanden. Sie waren diejenigen, die herausfanden, was Gott in dem scheinbar gewöhnlichen Ereignis einer jungen Frau tat, die an einem abgelegenen Ort ein Kind zur Welt gebracht hatte.

Wir müssen nicht darauf warten, dass Gott endlich etwas tut. Gott handelt immer, weil Gott immer die Welt liebt und immer etwas gebiert. Auf Gottes Handeln zu warten bedeutet, dass deine Seele ruhig und kontemplativ genug wird, um zu erkennen, was Gott in den dunklen und vergessenen Ecken tut, fern von den Korridoren der Macht – oder was immer du für das Zentrum des Geschehens hältst.

Wir wollen, dass Gott in der kaiserlichen Hauptstadt Rom handelt, aber Gott handelt zuerst in einem Stall am Rande von Bethlehem.

Wir wollen, dass Gott in Washington DC handelt, aber Gott handelt zuerst in der stillen Ecke des eigenen Wohnzimmers.

Lasst mich das ganz selbstbewusst sagen: Gott wird handeln. Gott wird in deinem Leben und in unserer Welt handeln. Aber wenn du die Handlungen Gottes erkennen willst, musst du zuerst in stiller Kontemplation warten. Bevor du ein Aktivist werden kannst, musst du zuerst kontemplativ werden. Sonst wirst du nur ein Re-Aktivist sein. Und Re-Aktivisten recyceln nur Ärger, die Welt bleibt trotz ihnen ein wütender Ort. Jesus war ein kontemplativer Aktivist, aber nie ein Reaktivist.

Deswegen: Lerne, die Sterne zu sehen. Lerne, auf den Feldern Nachtwache zu halten. Lerne, bei Jesus zu sitzen. Lerne, still zu sein. Lerne zu warten. Dann (und nur dann) wirst du anfangen zu erkennen, was Gott tut.

(aus dem Englischen übersetzt; Originalbeitrag findet sich hier)

One Comment On “Advent: Warten, dass Gott handelt (Brian Zahnd)”

  1. Danke für diesen gesegneten Artikel !

    In seinem Buch „Warten auf Gott“ lehrt Andrew Murray in 31 schön geschriebenen Kapiteln das aussergewöhnliche Thema in gesegneter Weise,
    – erhältlich auf paper back, Amazon kindle,
    Nachfolge eines übernatürlichen Gottes.

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